Auf dem Weg ins Tessin den Mount Everest erklimmen

Persönliches Wandererlebnis von Claudia Kirchmeier

Vorbereitung ist die halbe Miete. Warum ich das mache? Der Weg ist das Ziel. Ich gehe Schritt für Schritt, Tag für Tag, Etappe für Etappe – das ist eineinhalb Wochen meine Hauptbeschäftigung. Ideal, um zu entschleunigen und dem Alltag zu entfliehen. Zudem möchte ich mir beweisen, dass ich noch einigermassen fit bin und diese aussergewöhnliche Herausforderung meistere.
Claudia Kirchmeier über ihre Beweggründe und Erfahrungen
Ich wandere von Rapperswil durchs Glarnerland zur Greina-Hochebene nach Locarno

Die geplante Route enthält drei Anhöhen, die es zu erklimmen gilt: den Aufstieg von Linthal zur Muttseehütte (2 501 m ü. M.) nahe dem Muttenchopf, von Trun zur Terrihütte (2 170 m ü. M.) in der Greina-Hochebene und von Biasca zur Capanna d’Efra (2039 m ü. M.), einer ehemaligen Älplerhütte im Val d’Efra. Bei gesamthaft 8400 Metern Auf- und 8600 Metern Abstieg entspricht das fast der Höhe des Mount Everest, die ich auf dem Weg nach Locarno bezwinge. Die letzten Wochen vor dem Marsch bin ich völlig ins Thema vertieft. Meine Freunde amüsieren sich über mich, weil ich sogar Socken und Duschgel auf die Waage lege, um möglichst jedes Gramm zu sparen. Im Buch «Outdoor Trekking ultraleicht» gilt folgende Faustregel: ein Kilogramm Gewicht sparen heisst einen Kilometer Wegstrecke gewinnen. Die Erfahrensten schaffen es, das Gewicht des Rucksacks auf ein Minimum von fünf Kilogramm zu reduzieren. Mein Rucksack bringt rund sechseinhalb Kilogramm auf die Waage. Meinem ganzen Umfeld habe ich von dieser Reise erzählt und meine Mitmenschen eingeladen, mich ein Stück zu begleiten. Unglaublich, rund 15 Begleiter und Begleiterinnen sind meinem Ruf gefolgt. Bruno – einer der Freunde – plant sogar, mich auf der ganzen Strecke zu begleiten. Das sei der perfekte Ferienplan in der Zeit von COVID-19, meint Bruno. Auch der längste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt. Es ist ein sonniger Morgen um 9 Uhr am Bahnhof Rapperswil. Ich bin aufgeregt. Dass die ersten zwei Etappen nur ein «Einlaufen» sind, entpuppt sich schon nach drei bis vier Stunden als Trugschluss. Die hohen Wanderschuhe, bis oben zugeschnürt, machen sich auf dem endlos langen Linthkanal bemerkbar. Ich habe bereits erste Zweifel, ob ich es je nach Locarno schaffen werde. Die grössten Sorgen mache ich mir aber um Bruno, meinen Begleiter für die gesamte Route. Er leidet, und ich hoffe, dass am nächsten Tag alles besser wird. Als wir in Weesen ankommen, wollen wir nur noch in den spritzig kühlen Walensee springen. Was für ein tolles Gefühl: Die erste Etappe ist geschafft!

Meine Füsse sind mein Kapital

Wir bemerken schnell, dass nicht fehlende Kraft oder Ausdauer, sondern bei durchschnittlich sieben Stunden Wanderzeit pro Tag die Blasen an den Füssen ein Problem werden könnten. Achtung, jetzt kann es für den einen oder anderen etwas unangenehm werden: Gegenseitig stechen wir uns die Blasen mit Nadel und Faden auf, um die Entzündung abklingen zu lassen. Der Faden bleibt über Nacht in der Blase, damit sie sich nicht wieder füllt und über Nacht austrocknen kann. Vor jedem Abmarsch creme ich meine Füsse ein, um das Scheuern zu verhindern. Doch für Bruno kam diese «Wundercreme» leider zu spät. Seine Füsse sind in einem so schlimmen Zustand, dass er sich definitiv für einen Abbruch der Tour entscheidet. Für ihn, wie auch für mich, ist das ein mentaler Tiefschlag. Wir haben uns wochenlang auf die Tour vorbereitet, und nun soll es an «banalen» Fussblasen scheitern?

Erster Aufstieg zur Muttseehütte

Ich finde mich mit dem Abschied von Bruno ab und freue mich auf Daniela und Simon, die mich von Linthal zur Muttseehütte begleiten. Als wir uns auf halbem Weg an den Hilfsketten entlang der Felsen festhalten müssen, um nicht in die Tiefe zu stürzen, kommt mir die Abkürzung, die anfangs eine Option war, gar nicht mehr so falsch vor: Mit der Luftseilbahn von Tierfed bis Chalchtrittli hätten wir drei Stunden Wanderzeit und rund 1000 Höhenmeter sparen können. Doch wir spornen uns gegenseitig an und werden durch die fantastische Aussicht belohnt, die sich nach schweisstreibenden Stunden plötzlich hinter einem Felsen zeigt: den Anblick des Limmernsees, eines kristallklaren Bergsees, der von einer gigantischen Bergkulisse umgeben ist. Für mich ist das Ufer des Limmernsees einer der schönsten Orte auf der ganzen Route. Ich weiss nicht, ob es der gesellige Abend beim Nachtessen, der Schnupftabak oder doch die lange Wanderung war, die mich im Massenlager der heimeligen Muttseehütte sofort einschlafen liess. Spätestens als ich frühmorgens draussen beim Zähneputzen plötzlich von zwei leuchtenden Augen angestarrt werde, bin ich wieder topfit: Sie gehören einem Fuchs, der nur zwei Meter vor mir steht.

«Gib einem Mädchen die richtigen Schuhe, und es wir die Welt erobern» (Marylin Monroe) – Hätt ich die richtigen Schuhe nicht gefunden, wäre mir definitiv eines der grössten Abenteuer entgangen: Zu Fuss vom Zürichsee an den Lago Maggiore in elf Tagen.
Claudia Kirchmeier über die Wichtigkeit, beim Wandern einen bequemen Schuh zu tragen
Wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Schuhladen her

Beim Aufstieg ab Trun freue ich mich über die neuen Trailrunningschuhe, die ich am Tag zuvor im Tal gekauft habe. Sie fühlen sich an wie Hausschuhe und sind meine Rettung. Ohne diese Schuhe hätte ich mit Sicherheit aufgegeben, und das wäre jammerschade gewesen. Dann hätte ich den glasklaren Badesee bei der Terrihütte, die kämpfenden Steinböcke nahe einer Hängebrücke und das beste Picknick aller Zeiten – ein Raclette mitten auf der Greina -Hochebene – verpasst.

Mit der Selbstversorgerhütte «Capenna d’Efra» erwartet mich nach dem harten Aufstieg eine besondere Unterkunft. Einen Hüttenwart gibt es nicht. Dafür kann mit den von der Hütte bereitgestellten Lebensmitteln mit etwas Fantasie – und in bester Gesellschaft von anderen Wanderern – ein leckeres Nachtessen gekocht werden.
Claudia Kirchmeier über ein nicht alltägliches Bergerlebnis auf dem Weg ins Tessin
Hütte ohne Hüttenwart

Die Weggefährten wechseln, nur ich wandere Schritt für Schritt weiter und bin an manchen Tagen alleine unterwegs. Für die Königsetappe ab Biasca zur Capanna d’Efra habe ich zum Glück wieder Verstärkung von zwei sportlichen Berggängern. Beim Passieren des märchenhaften Valle d’Ambra wissen wir, dass dies nur das Aufwärmen ist. «Hüfthohe Treppen oder Felsvorsprünge und drei Stunden lang unangenehm steile Aufstiege» heisst es im Internet – und genauso ist es. In der Selbstversorgerhütte auf 2039 Metern Höhe sind die wichtigsten Lebensmittel und Getränke vorhanden. Für die Bezahlung steht eine kleine Kasse bereit. Die Schränke sind schon ziemlich leer. Ich ergattere mir die letzte Packung Spaghetti. Für die fehlende Sauce dient eine zusätzliche Dose Ravioli. Zur Vorspeise schlürfen wir eine «Päcklisuppe» – und das ganze Abendessen rundet ein Schluck Rotwein ab. In unserer jetzigen Welt ist das ein richtiges Gourmetmenü.

Durchquerung der Greina-Ebene

Aussicht von der Selbstversorgerhütte «Capenna d’Efra»

Ich habe es geschafft

Nach elf Tagen erreiche ich Locarno. Und ich darf es kaum erzählen: Die Merinosocken sind immer noch ungewaschen. Ich bin begeistert von diesem Material. Ab Orselina bin ich mental am Ziel – doch es trennen mich noch 1 300 Treppenstufen von Locarno, und diese letzten Meter rauben mir fast den Verstand. Am Seeufer des Lago Maggiore erwartet mich mein Freund mit einem kühlen Bier. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich es geschafft habe. Die Fahrt im Auto nach Brissago ist surreal – zu Fuss hätte ich über zwei Stunden gebraucht. Doch nun sind wir zehn Minuten später bereits im Wellnesshotel, in dem ich zwei Tage lang die Füsse hochlagere. Diese Reise war ein Riesenerlebnis, das ich bestimmt nie vergessen werde. Nächstes Mal reise ich aber mit dem Treno Gottardo ins Tessin und werde auf der Fahrt von meinem nächsten Abenteuer träumen.

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Tipps und Tricks von Claudia Kirchmeier

Tipps für leichtes Gepäck
Wie bereite ich mich optimal auf eine solche Tour vor?
Wie verpflege ich mich unterwegs?
Welche Tages-Distanzen sind möglich?
Welche Schuhe nehme ich mit?
Wie plane ich eine solche Tour?

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