Reussdelta

Naturschutz- und Erholungsgebiet

Allen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Von wegen! Bei der Renaturalisierung des Reussdeltas hat es nur Gewinner gegeben. Die sechs Bade- und Naturschutzinseln machen Uri um eine Attraktion reicher.

Zwischen Flüelen und Seedorf ist etwas Einzigartiges entstanden

Ja was denn nun? Mit den Malediven vergleicht sie der «Blick», während die Sendung «Schweiz aktuell» den Inseln im Urnersee «karibischen Charme» attestiert. Doch egal, ob man Vergleiche mit der Südsee oder der Karibik bemüht: Im Reussdelta zwischen Flüelen und Seedorf ist etwas Einzigartiges entstanden. Eine künstlich modellierte Landschaft, in der sich Badegäste und Spaziergänger ebenso wohl fühlen wie Fische und Vögel; ein Gebiet, in dem Naturschutz, Landwirtschaft und Kiesabbau Hand in Hand gehen.

Dass es zu einem solchen Happy-End kommen würde, war 1987 nicht absehbar, als die Reuss einmal mehr über die Ufer trat und weite Teile des Urner Talbodens unter Wasser setzte. Für viele Urner war das ein Déjà-Vu-Erlebnis. Denn die Reuss ist seit jeher ein Sorgenkind. Bei Schneeschmelze und Hochwasser trat sie ständig über die Ufer. Um sie zu bändigen, baute der Kanton Uri Mitte des 19. Jahrhunderts einen Kanal. Statt durch die Felder der Bauern zu mäandern, floss die Reuss fortan fadengerade in den See.

Sand, Geröll und Baggerlöcher

Doch das ging nicht lange gut. Denn wie jeder Fluss führt auch die Reuss Sand und Geröll mit sich. In einem natürlichen Flussverlauf spült der Strom dieses Geschiebe an der Mündung breit hinaus in den See, sodass ein natürliches Delta entsteht. Nach der Reusskorrektur war das aber nicht mehr möglich. Der mitgeführte Sand lagerte sich zuvorderst ab und bildete eine Art Zapfen. Folge: Der verstopfte Abfluss führte zu neuen Überschwemmungen. Zwischen 1900 und 1912 verlängerten die Urner deshalb den Kanal weit in den See hinaus. Zudem begann die Firma Arnold & Co., gewerbsmässig Sand und Kies aus dem See zu baggern.

Die Folgen waren fatal: In Ufernähe entstanden Baggerlöcher und zu steile Böschungswinkel, die für Nichtschwimmer beim Baden lebensgefährlich waren. Auch der Seegrund kam ins Rutschen, und wegen fehlenden Flachwasserzonen prallten die Wellen mit voller Wucht ans Ufer. Das Festland wurde unterspült. Um dreihundert Meter frass sich der See bis Mitte der 1980er Jahre ins Landesinnere. Um eine weitere Erosion zu verhindern, musste man handeln. Interessenskonflikte löste man, in dem man ein naturnahes Delta plante, wo Tiere leben und Pflanzen gedeihen konnten, wo die Kiesbagger ebenso Platz haben sollten wie Fischerboote, Fahrräder und die Traktoren der Landwirte. Das Urner Volk lieferte die nötige Rechtsgrundlage: Es stimmte dem Gesetz über das Reussdelta 1985 mit 71 Prozent Ja-Stimmen zu.

Gotthardstein für den Inselbau

Als erstes entfernte man den Kanal, der in den See ragte. Doch woher sollte man das Material nehmen, um eine Flachwasserzone zu schaffen? 1987 kam die Natur zu Hilfe, in Form des eingangs erwähnten Unwetters. Das Hochwasser schwemmte Unmengen von Sand, Geröll und Geäst an. Damit konnten die Ufervorschüttung sowie eine erste Inselgruppe realisiert werden. Der nächste Support kam vom Schweizer Stimmvolk, das 1992 Ja zur NEAT sagte. Am Gotthard wurde somit der längste Eisenbahntunnel der Welt gebaut. Wohin mit dem Ausbruchmaterial? Na klar doch: In den Urnersee!

Bei den Bauherren rannten die Urner mit der Idee, mit dem Ausbruchmaterial Inseln im See aufzuschütten, offene Türen ein. In der Folge wurden 3,3 Millionen Tonnen Tunnelgestein, das normalerweise umständlich und teuer entsorgt werden muss, im See versenkt. Eine Win-Win-Situation: Einerseits wurde das Gestein nachhaltig entsorgt, andererseits entstand an der Reussmündung ein Delta, wie es in der Schweiz kein zweites gibt, inklusive einer Lagunenlandschaft mit sechs Inseln. Während die drei Lorelei-Inseln mit ihren Stränden zum Baden einladen, werden die drei Neptun-Inseln der Pflanzen- und Tierwelt überlassen.

Im Schutz der Inseln konnte sich die Natur seitdem ungestört entfalten. So gibt es heute im Reussdelta ein Ried, wo seltene Pflanzen wachsen und Vögel brüten, mit flachen Laichgründen für Hechte, Rotaugen und Flussbarsche, mit Sandstränden für Badegäste und Velowegen für Ausflügler. Dass die Inseln eigentlich aus Gotthardmaterial bestehen, daran erinnert nur noch ein Felsblock, der symbolisch auf einer Insel thront. «Ostabschnitt, Teilabschnitt Amsteg, Tunnelmeter 107550», heisst es auf der Plakette, die den Monolithen ziert. Hat da jemand Malediven oder Karibik gesagt?

Das Reussdelta erleben

Das Reussdelta kann man bequem zu Fuss erkunden, indem man ab dem Bahnhof Flüelen dem «Weg der Schweiz» Richtung Seedorf folgt. Nebst Bade- und Picknickplätzen gibt es Aussichtstürme, von denen aus man Flora und Fauna sowie die Urner Bergwelt bestaunen kann.

Anfahrt: mit dem Treno Gottardo nach Flüelen

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