Erstfeld

von Kilian T. Elsasser

Mit der Eröffnung der Gotthardbahn wandelte sich das Bauerndorf Erstfeld zum Eisenbahnzentrum und wird zum Eingangstor der Gotthard-Panoramastrecke.

Am Berg wird die Stärke der Bahn zu ihrer Schwäche: Ihre Stärke ist der geringe Rollwiderstand, dank dem mit wenig Energie grosse Mengen Güter und Personen transportiert werden können. In den Bergen jedoch ist der geringe Rollwiderstand auch ein Nachteil: trotz einer maximalen Steigung von nur 26 o/oo, braucht es bei schweren Zügen eine zweite oder gar eine dritte Lokomotive, um diese den Berg hinauf zu schleppen. Daher baute die Gotthardbahn-Gesellschaft in Erstfeld ein Depot, wo die Zusatzlokomotiven standen und kleine Reparaturarbeiten ausgeführt wurden. Zudem wurden die Dampflokomotiven mit Kohle und Wasser versorgt, denn für den nötigen Dampf auf der anspruchsvollen Fahrt mussten die Heizer pro Minute 50 Kilo Kohle – insgesamt knapp zwei Tonnen – in die Feuerbüchse schaufeln.

Mit dem Depot und dem Bahnhof entstand rechts der Reuss ein neuer Dorfteil, für dessen Sicherheit der darüberliegende Steilhang aufwändig gesichert werden musste. Manchmal brachten solche Arbeiten Überraschendes zutage: 1962 fanden italienische Arbeiter bei der Verbauung eines Bachs unter einem Felsbrocken 2500 Jahre alte Arm- und Halsringe aus Gold. War es eine keltische Weihegabe oder ein privater Schmuck, der wegen Krankheit oder drohender Gefahr versteckt worden war? Niemand weiss es. Sicher ist nur, dass der einzigartige und geheimnisvolle Schatz heute im Landesmuseum in Zürich ist, wo er einer der Ausstellungshöhepunkte bildet.

Zuzügler bringen neues Gedankengut

Die Bahn schuf viele neue Arbeitsplätze und zählte hunderte Angestellte, die als Lokführer, Heizer, Bremser oder Bahnhofspersonal arbeiteten. Darüber hinaus war sie auch gut für die Situation der Schneider, Schuhmacher, Bäcker oder Gastwirte, die in Erstfeld dank der Bähnler ein Auskommen fanden. Dazu baute die Bahngesellschaft für ihre Mitarbeiter und ihre Familien Unterkünfte, Schulhäuser, Badestuben und das sogenannte Casino mit einem grossen Saal für kulturelle Veranstaltungen. 1910, dreissig Jahre nach der Eröffnung der Bahn, war die Einwohnerzahl in Erstfeld von 1100 auf über 3100 Personen gestiegen. Damit war das Dorf schweizweit eine der Ortschaften mit dem grössten prozentualen Wachstum. Das Verhältnis zwischen Einheimischen und Zugewanderten war in den ersten Jahrzehnten angespannt; die Neuankömmlinge brachten sozialdemokratische Ideen ins katholisch-konservative Dorf, gründeten für die SP Schweiz eine Sektion Uri, und eröffneten 1899 die erste reformierte Kirche im Kanton Uri.

Technisches Wunderwerk als Tourismusmagnet

Die Gotthardbahn war ein grosser Erfolg. Schon 1883 transportierte die Bahn eine halbe Million Tonnen Güter, 1980 waren es 13 Millionen Tonnen. In derselben Zeit wuchsen auch die Passagierzahlen von einer Million auf knapp acht Millionen. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Gotthardbahn die wichtigste Tourismusattraktion der Schweiz. Ein Drittel der ausländischen Touristen auf Schweizerreise reiste von Luzern auf dem technischen Wunderwerk an der Wiege der Schweiz vorbei durch die wilden Alpen in den Süden. Die Gotthardbahn-Gesellschaft machte vor allem im Ausland mit Plakaten, Reiseführern und Broschüren fleissig Werbung. Sie pries an nationalen und internationalen Ausstellungen die Vorzüge der Bahnreise über den Gotthard an und bestellte 1897 beim Nobelpreisträgers Carl Spitteler den Reiseführer «Der Gotthard». Von der Gesamtauflage von 4000 Stück verteilte die Bahn 500 Exemplare europaweit an die grösseren Hotels in Kurorten und Seebädern, sowie 100 Exemplare in die Bibliotheken der wichtigsten Passagierdampfer.

Lastesel der Nation

Mit dem Ausbau der Gotthardfestungen gewann der Kanton Uri weitere neue Arbeitsplätze bei der Armee dazu, verlor aber an touristischer Attraktivität. Wer will schon Ferien an einem Ort verbringen, wo geschossen und exerziert wird. Zudem machten die immer zahlreicheren Güterzüge die hochrentable Strecke zum dreckigen und lärmigen Lastesel der Nation.

Wirtschaftlich war die Ausrichtung auf Armee und Bahn lange Zeit ein Erfolg. Mit dem Rückzug der Armee, der Automatisierung der Bahn und vor allem mit der Eröffnung des Basistunnels 2016 verlor Erstfeld jedoch seine Funktion als aktives Eisenbahnzentrum. So wandelt sich der Ort nun zum historischen Eisenbahnerdorf, das sich als attraktiver Wohnort sowie als Industrie- und Gewerbestandort positioniert. Auch der Tourismus ist wieder am Kommen, denn das Dorf hat eine attraktive Geschichte, die mehr und mehr vermarktet wird. Dabei bietet sich nun mit dem Treno Gottardo die Gelegenheit, dass die Gotthard-Bergstecke zur Panoramastrecke und Erstfeld wieder zu einem Tourismushöhepunkt wird.

Erleben

Erstfeld errätseln : Auf der Krimischnitzeljagd «Erstfeld explosiv!» entdeckt man allerlei verborgene Winkel sowie die spannende und manchmal skurrile Geschichte des Eisenbahnerdorfes (Erfahren Sie hier mehr dazu).

Faszination Gotthardbahn

Beim Gotthard Tunnel-Erlebnis in die Faszination der Eisenbahn am Gotthard eintauchen, sei das mit Depotführungen, Lokführerrundgängen, Führerstandfahrten oder anderen Angeboten (Hier klicken für mehr Informationen).

Anfahrt: mit dem Treno Gottardo nach Erstfeld

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