Der Gotthard- Eine Europapassage

von Kilian T. Elsasser

Seit dem 13. Dezember 2020 fĂ€hrt der Treno Gottardo auf der Gotthard-Panoramastrecke mit modernsten ZĂŒgen direkt ab Basel/Luzern beziehungsweise ZĂŒrich nach Bellinzona (ab April 2021 sogar bis nach Locarno). Die Gotthard-Panoramastrecke mit ihren weiten Kehrtunnels und spektakulĂ€ren BrĂŒcken ist die schönste Verbindung zwischen Nord und SĂŒd. Ein RĂŒckblick.

Der Gotthardpass war ein SpĂ€tzĂŒnder, denn die unĂŒberwindbare Schöllenenschlucht schnitt bis zum 13. Jahrhundert Andermatt komplett vom Zugang zum Urnersee ab. Erst mit dem Bau der TeufelsbrĂŒcke und der Passage durch die Schöllenen wurde der Gotthard zu einer Handelsroute, dank der die Zentralschweizer Rindvieh ins Tessin verkaufen, Soldaten nach Italien vermieten und den Transport von jĂ€hrlich um die 100 Tonnen GĂŒter ĂŒber den Pass kontrollieren konnten.

Eine Alpentransversale, aber welche?

500 Jahre spĂ€ter, mit der Projektierung von Eisenbahnlinien durch die Alpen, entbrannte in der Schweiz ein jahrelanger Kampf der Regionen. Zuerst stand eine Bahn durch den SplĂŒgen oder den Lukmanier zur Diskussion. Schliesslich setzte sich die Lobbyarbeit der Gotthard Vereinigung durch, welche 13 Kantone hinter sich scharen konnte. Denn nachdem sich ihr Erfolg abzeichnete, schwenkten 1863 auch ZĂŒrich und Alfred Escher, damals der wichtigste Politiker und WirtschaftskapitĂ€n, auf den Gotthard um. 1865 erklĂ€rte der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, dass die kurz vor der Eröffnung stehende Brennerlinie nur fĂŒr den Osten Deutschlands genĂŒge, aber nicht fĂŒr den Westen. Und 1866 stellte sich auch das Königreich Italien hinter die LinienfĂŒhrung ĂŒber den Gotthard. So konnte die Finanzierung der Gotthardbahn dank Subventionen des Königreichs Italien, des Kaiserreichs Deutschland, des Bundes, zahlreicher Kantone, der Stadt Luzern, schweizerischer Privatbahnen und – gut zur HĂ€lfte! – mit Aktien und Obligationen gesichert werden.

WÀhrend des Tunnelbaus lebten gegen 3000 Personen in Göschenen. Die Arbeit im Tunnel war MÀnnersache. In Hotels, Restaurants, Schulen und GeschÀften arbeiteten auch viele Frauen. Bild: «Schichtwechsel», 1889, von Philipp Fleischer

Die Gotthardbahn wird gebaut

Alfred Escher ĂŒbernahm 1871 die Leitung der Gotthardbahn- Gesellschaft als DirektionsprĂ€sident. FĂŒr den Tunnelbau engagierte er den Genfer Unternehmer Louis Favre, der 1872 einen wahnwitzigen Vertrag mit einer Fixsumme von 42 Millionen Franken und einer Bauzeit von acht Jahren vorschlug. FĂŒr jeden Tag vor oder nach der festgelegten Baufrist sollte er 5000 Franken erhalten oder bezahlen. Der Vertrag wurde fĂŒr die Bauunternehmung ein Desaster, an dem sie wegen der zehnjĂ€hrigen Bauzeit bankrottging. Doch der Tunnel riss auch Alfred Escher von seinem Sockel: Weil die Zufahrtslinien zum Tunnel bedeutend mehr kosteten als budgetiert, musste er vor Beendigung der Bauarbeiten zurĂŒcktreten. Er starb kurz nach der Eröffnung der Linie, wahrscheinlich ohne dass er diese je befahren hatte.

Über die heute noch bestehende ZollbrĂŒcke in Göschenen transportierten HĂ€ndler auf Saumtieren GĂŒter ĂŒber den Gotthard. Bild: James P. Cockburn, 1820, ZHB Luzern

Ein Tunnelbau der Rekorde

Dank dem Einsatz neuer technischer Hilfsmittel wie Schlagbohrmaschinen und Dynamit konnte zwischen Airolo und Göschenen auf gut 1100 Metern ĂŒber Meer der lĂ€ngste Tunnel der Welt gebaut werden. Damit liegt der Kulminationspunkt dieses 15 Kilometer langen Loches gut 250 Meter tiefer als bei der Brennerbahn – ein entscheidender Vorteil. Denn mit grösseren Kurvenradien und geringeren Steigungen hatten die Planer sichergestellt, dass die GĂŒter auf der Gotthardbahn schneller und gĂŒnstiger durch die Alpen transportiert werden als ĂŒber den Brenner.

GoldgrÀberdorf Göschenen

WĂ€hrend der Bauarbeiten wuchs Göschenen in kurzer Zeit vom kleinen Bergdorf mit einigen 100 Einwohnern zum bedeutenden GoldgrĂ€berort mit ĂŒber 3000 Einwohnern. Die neuen Einwohner kamen meist aus Norditalien, drei Viertel aus dem Piemont. Frauen fĂŒhrten Hotels und GeschĂ€fte, unterrichteten in eigens eingerichteten Schulen und zogen Kinder auf. Derweil war die Arbeit im Tunnel hart und gefĂ€hrlich. Mehrmals streikten die Mineure, um Verbesserungen der prekĂ€ren Arbeitsbedingungen zu verlangen. 199 Arbeiter verunfallten tödlich, mehr als an jeder anderen Tunnelbaustelle in den Alpen. Sie starben bei SprengunfĂ€llen, wurden von herabfallenden Felsen erdrĂŒckt oder von Bauwagen ĂŒberfahren. Unbekannt ist die Zahl der Opfer, die spĂ€ter an einer Staublunge oder anderen Krankheiten starben.

Die Arbeiter auf dem Werkzug vor dem Tunnelportal in Göschenen um 1880 kamen aus Norditalien, zumeist aus dem Piemont. Bild: Adolphe Braun, Verkehrshaus der Schweiz

Der Mythos Gotthard wird geboren

Die Gotthardbahn wurde rasch zur wichtigsten und hochrentablen Alpentransversale, wodurch das technische Wunderwerk bis zum Ersten Weltkrieg zur bedeutendsten Tourismusattraktion der Schweiz wurde. SpĂ€ter, wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs, diente die Funktion als neutraler Transitdienstleister als Faustpfand dafĂŒr, nicht erobert zu werden. So wurde der Gotthard zum schweizerischen Mythos der UnabhĂ€ngigkeit und LeistungsfĂ€higkeit, dessen Transitgeschichte mit der Eröffnung des Gotthardbasistunnels weitergeschrieben wurde.

Die schönste Verbindung zwischen Nord und SĂŒd

Heute rollt der schnelle Zugverkehr durch den 2016 eröffneten Gotthardbasistunnel. Die schönste Verbindung zwischen Nord und SĂŒd bleibt die ursprĂŒngliche Eisenbahnstrecke mit ihren weiten Kehrtunnels und spektakulĂ€ren BrĂŒcken. Auf dieser Gotthard-Panoramastrecke verkehrt ab 13. Dezember 2020 der moderne Treno Gottardo, den die SOB in Kooperation mit der SBB betreiben. Der Treno Gottardo verbindet alternierend Basel und ZĂŒrich mit dem Tessin. Die Panoramafahrt in die Gotthard-Region und ins Valle Leventina ist dank der modernen NiederflurtriebzĂŒge eine Zugreise mit hohem Komfort.

Steigen Sie ein und erleben Sie mit dem Treno Gottardo eine spektakulÀre Panoramafahrt.

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